Dienstag, 28. April 2015

Abschied von meinem Papa


Am 15. Februar ist mein Papa gestorben. Mit nur 63 Jahren. Ehrlicherweise gar nicht so plötzlich, aber irgendwie auch doch. Als der Tod dann da war, war es eben doch überraschend, überrumpelnd und so gemein endgültig. Papas Leben vorbei, einfach so, unwiederbringlich.

Mein Vater war lange krank. Eigentlich sein Leben lang, er ist mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen, was aber erst ziemlich spät festgestellt wurde. Vor 18 Jahren war das und es gab seitdem immer wieder OPs und Zeiten, in denen es irgendwie brenzlig für ihn wurde. Wir mussten damit umgehen, dass er jederzeit sterben könnte. Gelernt haben wir aber: Er schafft das!

Auch diesmal haben wir darauf vertraut, dass die Behandlung im Krankenhaus ihn schon wieder auf die Beine bringen würde. Gleichzeitig haben wir gemerkt, dass es jetzt irgendwie bedrohlicher war. Sein Leben am seidenen Faden. Doch diesmal hat er es nicht geschafft.

Er fehlt mir so!

Ich habe mich etwa zwei Stunden nach seinem Tod im Krankenhaus von ihm verabschieden dürfen. Liebe Freunde meiner Eltern waren sofort zur Stelle und haben mich hingefahren. Dort konnte ich seine Hand halten, weinen, begreifen...

Am nächsten Tag haben wir uns natürlich viele Gedanken machen müssen - Gedanken, wie seine Bestattung ablaufen könnte, wie wir seine Wünsche diesbezüglich umsetzen könnten, was für uns gut wäre, für seine Freunde und Geschwister.

Klar war, es würde keine Feier in einer Kirche geben, denn mein Vater war kein gläubiger Christ und die Einrichtung "Kirche" ohnehin eher ein Reizthema für ihn. Meiner sehr gläubigen Mutter rechne ich es sehr hoch an, dass sie ihm zu Liebe auf eine traditionelle Feier verzichtet hat.

Klar war auch, dass er verbrannt werden würde. Denn sein Wunsch war es, dass seine Asche verstreut werden würde.

Im Gespräch mit dem Bestatter, das sehr persönlich, fast schon freundschaftlich ablief, an dem wir auch Freunde und Verwandte teilhaben ließen, haben wir eine sehr persönliche Zeit der Abschiednahme geplant. Davon möchte ich euch erzählen, denn ich kann mir gut vorstellen, dass es einigen von euch in ähnlicher Situation helfen könnte, alternative Möglichkeiten einer Bestattung und der Trauerarbeit zu finden. Denn es ist viel persönlicher möglich, diese Zeit zu gestalten, als allgemein so angenommen wird. Und oft haben wir nun schon gehört "Ach, hätte ich doch damals schon davon gewusst." oder "Hätte ich doch nur den Mut gehabt, es anders zu machen."

Wir haben meinen Vater in Holland verbrennen lassen. Denn dort ist es möglich, die Asche dauerhaft mit nach Hause nehmen zu können. Jeder der mochte, konnte sich noch einige Tage im Aufbahrungsraum des Bestatters verabschieden.

Zentraler Punkt gemeinsamen Abschieds von meinem Vater war allerdings das Wohnzimmer meiner Eltern. Dort hatten wir mehrere Tage den Deckel des Sargs auf einem großen Tisch bereit gestellt - daneben allerlei Farbtuben und -flaschen, Pinsel und Permanent-Filzstifte. Freunde und Verwandte konnten einen letzten Gruß und Wünsche auf den Sarg schreiben und malen.


Im Hintergrund lief leise Musik, auf dem Deckel stand eine brennende Kerze. Außerdem hatte ich ein Foto von meinem Papa entwickeln lassen und aufgestellt, das uns an schöne Zeiten erinnert hat.

Mehrere Tage kamen immer wieder liebe Menschen und haben gemeinsam mit uns gemalt, gelacht, geweint, erinnert. Das war für alle eine sehr intensive und heilsame Art des Abschieds. 

Auch die Skeptiker fanden mit jeder Minute mehr Gefallen an dieser besonderen Malaktion. Jeder machte sich schon im Vorfeld Gedanken: "Was schreibe/male ich für Gerd?" So hat jeder viel über ihn und gemeinsame Zeiten nachgedacht. Gleichzeitig haben wir dann hier viel geredet. Alle waren sich einig: "Das war viel persönlicher als gewöhnlich."

Euch zeige ich nur die Ecke, die ich für meinen Papa gestaltet habe, schließlich stehen viele persönlich Dinge darauf. Aber ich denke, ihr bekommt auch so einen guten Eindruck, wie schön und bunt diese Tage hier bei uns waren. Noch nie fiel mir ein Bild so schwer und gleichzeitig so leicht...


Nachdem wir die Asche bekommen hatten, haben wir noch eine große Feier veranstaltet. Mit leckerem Essen, Wein und Bier und bunten Lichtern. Wir wollten ein Fest, wie es meinem Vater gefallen hätte, wie er es gern gefeiert hätte. Und Papas letzte Fete war wirklich toll! Auch hier konnten viele Leute ihre Skepsis über Bord werfen und eine gute Zeit mit uns verbringen.

Nun müssen wir hier erstmal lernen, uns im Alltag ohne ihn zurechtzufinden. Da tauchen allerlei Hürden auf. Zusätzlich zu der Tatsache, dass er einfach als Mensch fehlt. Manchmal denke ich, dass ich ihn husten höre. Wenn die Scheunentür offen steht, denke ich einen kurzen Augenblick "Ah, Papa ist in der Scheune." Und so oft denke ich "Da muss ich mal eben Papa fragen." Nun, wie gesagt, wir müssen lernen. Lernen, irgendwie gut mit diesem Verlust zu leben.

Ach, Papa...

Kommentare:

tüftelchen hat gesagt…

Liebe Kathi,
das hat mich sehr betroffen gemacht zu lesen.
Weißt du, dass du ganz viel von deinem Papa hast? Ich habe sein liebes Bild gesehen und ich sah dich.
Sei still umarmt
Jana

Sanne hat gesagt…

Vielen Dank für´s Teilen mit uns. Ich danke dir für deine Offenheit und wünsche dir viel kostbare Erinnerungszeiten mit deinem Vater, ddass sie dich dann stützen, stärken,hoffnungsfroh machen.
herzlichst
Sanne

Martina hat gesagt…

Was für ein liebevoller Abschied. So persönlich sollte jeder geliebte Mensch gehen dürfen.
Ich schicke dir einen Regenbogen und ein paar Sonnenstrahlen .... und dass er dir Zeichen gibt, wenn er dir mal wieder ganz arg fehlt.
Liebe Grüsse,
Martina

Lieblingsschwestern hat gesagt…

Hallo liebe Kathi,
so individuell das Leben ist so sollte auch der Abschied sein - deshalb habe ich diesen Beruf Bestattungsfachkraft gewählt und möchte den Angehörigen dabei helfen sich individuell zu verabschieden. Und ich finde es fantastisch wie persönlich und aktiv ihr den Abschied gestaltet habt.
Ich wünsche dir viel Kraft und jede Menge Zeit für die wundervollen Erinnerungen an deinen Papa!
Drück dich!
Kathi

Kathi Pirati hat gesagt…

Jana, Sanne, Martina, Kathi - ich danke euch für eure lieben Worte! Ihr seid toll!
Die Kathi

Anonym hat gesagt…

Liebe Kathi,
ich habe erst heute gelesen und möcht Dich einfach mal ganz herzlich drücken.
So wundervoll habt ihr ihn verabschiedet, ich bin mir sicher er hat mit großer Freude zugesehen. Es berührt mich sehr, voller Liebe, danke fürs Teilen! Ich wünsche Dir viel Kraft!
Herzlich,
Silke